Teil 1 – Mit dem Zug nach Lissabon

Die Reise beginnt

22:56, mit über einer halben Stunde Verspätung rollt der Nachtzug von Berlin nach Paris mit der Nummer NJ40424 in Halle(Saale) Hbf ein. 

,,Die gibts nicht“- antwortet mir der Schaffner, den ich nach der Wagennummer 426 frage.
Ich halte ihm mein Handy mit der Platzreservierung hin: Wagen 426, Sitzplatz 71.
,,dann schau mal in die Richtung, hier sind die Schlafwaggons„- an den nächsten Türen steht Berlin-Brüssel— Ich weiß das sich der Zug irgendwo auf der Strecke aufteilt und eine Hälfte nach Paris, die andere nach Brüssel weiterfährt. —also drehe ich wieder um und versuche es in die andere Richtung. An den Schlafwägen vorbei finde ich endlich die Sitzwaggons nach Paris. Die 426 habe ich zwar immer noch nicht aber ich steige erst mal ein.
Im Zug schickt mich ein Schaffner noch einen Wagen weiter und auch wenn es zwar nicht dran steht, scheint es wohl der richtige zu sein.
Man kennt es ja, aber da es sich um eine deutsch-österreich-französisch-belgische Kooperation handelt kann man wohl nicht die ganze Schuld der DB zuschieben, und das es in anderen Ländern ähnlich chaotisch zugeht habe ich schon in Italien feststellen müssen.

In meinem Abteil sitzt bereits ein Mädchen in meinem Alter, ein Pärchen möchte anfangs auch noch mit rein, entscheidet sich dann aber ein anderes leeres Abteil zu besetzen. 

–Und so rollt der Zug los, auf in die Nacht in Richtung Paris.


Damit startet für mich eine spannende, einmonatige Reise, die sich in drei Abschnitte unterteilen wird. 

  1. Mit dem Zug nach Lissabon
  2. 2 Wochen auf Sansibar 
  3. 4 Tage Istanbul und Zugreise durch Osteuropa nach Hause

Eine etwas merkwürdige Reiseroute, die sich aber aus verschiedenen Gründen so ergeben hat und auf die ich mich nach und nach immer mehr gefreut habe.


Überwiegend mit Zug und Flugzeug werde ich in einem Monat über 20.000 Km zurück legen.

Reisegespräche und Interrail-reisen

Im Zugabteil unterhalte ich mich ein wenig mit der Studentin über das Zugfahren und wohin wir unterwegs sind. Zufälligerweise sind unsere Reiseziele ziemlich ähnlich, beides Inseln in Ostafrika. Für sie geht es auf die französische Insel Reunion, für mich nach Sansibar. Nur nimmt sie einen direkteren Weg, von Paris aus mit dem Flugzeug.
Gespräche mit anderen Reisenden gehören zu den Erfahrungen die man beim Fliegen eher nicht bekommt.

Natürlich ist so eine lange Zugreise nicht für jeden etwas, aber wer sich mal die Zeit nehmen kann oder möchte, dem kann ich nur empfehlen innerhalb von Europa mit dem Zug in den Urlaub zu fahren.
Mit dem Interrailticket kann man so ziemlich jeden Zug in Europa nutzen und bis auf reservierungspflichtige Züge ist man dabei sehr flexibel unterwegs.
Es ist deutlich entspannter als Fliegen, und außerdem hat man beim Zugfahren die Zeit, sich Stück für Stück auf andere Länder und Kulturen einzustellen.

—Vernünftige Verbindungen über mehrere Tage und durch verschiedene Länder ausfindig zu machen, ist leider gar nicht so einfach. Nach längerem Suchen stieß ich allerdings auf die Seite seat61.com , eine sehr hilfreiche Seite und jedem zu empfehlen der sich auf längere Zugreisen begibt.

Im TGV nach Barcelona

Meine 4 Stunden Umstiegszeit in Paris könnten besser sein: kalt, ein wenig Nieselregen und mein Café mit Croissant hatte ich mir dann doch deutlich besser vorgestellt.
Naja, ist ja zum Glück nur ein Kurzaufenthalt zum Umsteigen und vom Gare de Lyon aus geht es schon weiter nach Barcelona.
Ganze 37 € hatte mich die Sitzplatzreservierung für den TGV zusätzlich gekostet, die eigentliche Fahrt hatte ich ja schon über mein Interrailticket bezahlt.

—Im Vergleich dazu: für eine Platzreservierung im ICE bezahlt man 5 € und man ist nicht gezwungen einen Platz zu reservieren wohingegen in Frankreich oder Spanien Platzreservierungen in den Schnellzügen Pflicht sind.—

Dafür geht es nun aber mit knapp unter 300 km/h in Richtung Süden, zwischen Alpenausläufern auf der einen und einem französischen Mittelgebirge auf der anderen Seite hindurch, bis mit einem mal die Sonne zum Vorschein kommt und man das Mittelmeer förmlich schon spüren kann.
Der letzte Teil der Strecke, von Südfrankreich nach Spanien, zieht sich dann noch mal ein wenig und nach knapp 7 Stunden erreichen wir um 21:28 Barcelona Sants.

Ein Bäcker auf Reisen

Die Pension, in der ich mir kurzfristig ein Zimmer gebucht habe, liegt am historischen Placa Reial, einem schönen Platz welcher von Häusern umrandet ist  und so wie ein sehr großer Innenhof wirkt.
Da ich mich natürlich direkt informiert habe wo es in Barcelona gute Handwerksbäckereien gibt, begebe ich mich am nächsten morgen auf einen 45 minütigen Fußweg durch die Stadt zur Origo Bakery.
An der Schlange die sich davor befindet, erkenne ich das ich mir den richtigen Bäcker ausgesucht haben muss. Ein kleiner Verkaufsraum, der Backofen direkt hinter einer Glaswand und vom Aussehen her schon hervorragendes Gebäck. 

Auf Nachfrage werde ich in die Backstube im Keller geführt. Nach kurzem Bäckeraustausch und einer Brotkostprobe, verlasse ich die Bäckerei mit einem Pain au Chocolat, einem Canella Twist, einem Cappuccino und einem Lächeln auf dem Gesicht. Genau das wollen wir in Zukunft mit unserer Bäckerei auch erreichen.


Spaziergang durch Barcelona

Nach meinem Frühstück auf einer Parkbank, besichtige ich noch kurz das verrückteste Bauwerk von Barcelona, die Sagrada Familia. Eine riesige Basilika, die schon seit 140 Jahren gebaut und wohl erst nach 2030 fertig gestellt sein wird.
Auf dem Weg Richtung Meer komme ich zufällig an einem Fußballplatz vorbei und spontan verfolge ich noch die letzten Minuten eines spanischen Kreisligafußballspiels. Statt TikiTaka gilt auch hier das Motto: hoch und weit bringt Sicherheit. 😀

In Barcelona ist es schon relativ warm und so genieße ich am Meer noch eine Weile die Sonne. Auf dem Rückweg zu meiner Unterkunft, schlendere ich durch die vielen kleinen Gassen Barcelonas, immer wieder komme ich an historischen Gebäuden oder Plätzen vorbei und höre einem Straßenmusiker beim spielen zu.
Nach Tapas zum Abendessen geht es am nächsten morgen auch schon wieder zum Bahnhof. Heute Abend will ich in Portugal sein.
Am Bahnhof in Barcelona geht es zu wie auf einem Flughafen, das Gepäck wird gescannt und es gibt eine lange Schlange mit Fahrkartenkontrolle bevor man überhaupt auf den Bahnsteig kommt.

Kurzaufenthalt in Faro

Zwischen Barcelona und Sevilla komme ich mir vor wie in einem Italowestern, natürlich weil viele der Filme in Spanien gedreht wurden. Karge, trockene Landschaften mit teils felsigen Hügeln, ab und zu Oasen mit kleinen, an Berghängen geschmiegten Dörfern und Überreste alter Burgen. 
Auch hier geht es mit einem zügigen Tempo voran und nach 6,5 Stunden erreichen wir Sevilla.
Mit dem Flixbus geht es von hier aus weiter nach Faro in der Algarve.

Am Meer befinden sich dort eine Vielzahl von schönen Sandstränden. Da sie etwas vorgelagert als Inseln bzw. Halbinseln vor der Küste liegen, sind sie fast nur mit dem Boot zu erreichen. Daher ist es dort zumindest zu dieser Jahreszeit fast Menschenleer. 
Am zweiten Morgen in Faro geht es nach einem schlechten Cappuccino plus Nougatbrötchen am Bahnhof, mit einem alten aber schicken InterCity in Richtung Lissabon. 

Home Lisbon Hostel

In knapp 3 Stunden fahren wir durch eine grüne, hügelige Landschaft mit Wiesen und Orangenplantagen in die portugiesische Hauptstadt.

Da ich im Hostel noch etwas zu zeitig bin um einzuchecken, stelle ich mein Gepäck ab und erkunde die kleinen Gassen Lissabons, in denen man sich wunderbar verlaufen kann.

Das Home Lisbon Hostel hat eine wunderbar entspannte Atmosphäre. Jeden Abend kocht ,,Mama´´, die Eigentümerin, das Abendessen für die Gäste.
Da es mir mit 15 € etwas zu teuer ist, koche ich mir erst mal selber mein Essen. Später setze ich mich trotzdem noch mit an die große Tafel und lerne direkt sehr nette Leute kennen. Mit Ciaran aus Irland und Aaron einem Amerikaner aus Hannover verbringen wir noch den Abend mit verschiedenen Kartenspielen.

Nach einem sehr guten Frühstücksbuffet im Hostel für nur 5€ gehe ich mal wieder auf Bäckereibesichtigung. 
Hier werden meine Erwartungen das erste mal etwas enttäuscht, Baguette und Brötchen die ich dort bekomme sind mir etwas zu gummiartig und schwer zu kauen und auch etwas Sauerteig bekomme ich dort auf Nachfrage nicht.
Da ich ein wenig Sauerteig mit nach Sansibar nehmen möchte, begebe ich mich auf die Suche nach einer weiteren Handwerksbäckerei. Beim zweiten Versuch habe ich mehr Glück, in der Micro Bakery einer netten Frau bekomme ich meinen Sauerteig, ein nettes Gespräch und am Ende auch noch etwas Trockenhefe. 

Da es ein sehr verregneter Tag ist, verbringe ich den restlichen Tag im Hostel. Dadurch lerne ich noch ein ganz paar weitere interessante Leute kennen: ein israelischer Frutarier, der in seiner Freizeit basejumpen geht und sich in der Ausbildung zum Piloten befindet, Luca aus der Schweiz, dessen Opa in Canitz-Christina (bei Bautzen) groß geworden ist, Joe, ein Koch aus San Francisco, der sich sehr fürs Backen interessiert, Alex, aus der Ukraine, der als Regie-Assistent im Dessauer Theater arbeitet und Paloma, eine hyperaktive Kanadierin, die sich Videos nur in 4-facher Geschwindigkeit anschauen kann um sich nicht zu langweilen,…. die Zeit im Hostel wird dadurch schnell sehr angenehm und geht auch viel zu schnell zu Ende, da ich nur 2 Nächte habe bis mein Flug nach Istanbul geht.

Am vormittag bevor ich abreise, backe ich noch zwei Brote für das Hostel-Dinner und verabschiede mich dann von den vielen netten Leuten.
Ich habe ja schon von Vielen gehört das Lissabon schön sein soll und das ist es definitiv auch, und obwohl ich nicht mal sehr viel von der Stadt gesehen habe, hatte ich allein durch das Hostel eine sehr schöne Zeit hier….

Hier endet der erste Teil meiner Reise- von Lissabon aus geht es weiter über Istanbul nach Sansibar.

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