Teil 3 – Istanbul und zurück nach Hause

Tee und nette Leute

Nach meinen Erfahrungen im Home Lisbon Hostel war für mich klar, das ich nach etwas ähnlichem in Istanbul Ausschau halten musste. So war beim Namen, Second Home Hostel und einer gelesenen Rezension, meine Entscheidung schnell gefallen.

Beim Check-In im Hostel lerne ich das erste mal die türkische Tradition kennen, zu jeder Gelegenheit einen Tee in den typisch geformten Gläsern auf einer Untertasse gereicht zu bekommen. Sei es beim Warten auf einen Kebab, beim Handeln auf dem Basar oder generell zum Essen, der Tee gehört einfach selbstverständlich dazu.
Meistens ist es einfach Schwarztee, ab und zu aber auch süßer Apfeltee, den ich besonders gerne mag.

Schon am ersten Abend lerne ich auch direkt die ersten Leute kennen, was für mich nicht selbstverständlich ist, da es mir nicht immer leicht fällt auf Menschen zu zugehen. Zu dieser Jahreszeit sind die Hostels nicht stark besucht und so sind wir spätestens am zweiten Abend als Gruppe im Hostel zusammen gewachsen und jeder kennt gefühlt jeden.

So gehen wir gemeinsam auf Stadterkundung oder verbringen die Abende gemeinsam auf der Dachterasse des Hostels oder in Bars.
Nach einem Tag in der Stadt kommt man dann am Abend zum gemeinsamen Abendessen im Hostel zusammen und tauscht sich aus über Erlebnisse, Reiseziele oder was man sonst so macht.

Die Stadt der Katzen

Istanbul ist mit seinen 16 Millionen Einwohnern und einer Ost-West-Ausdehnung von 100 Km eine unvorstellbar riesige Stadt. Mit verschiedensten über die Jahrhunderte durch unterschiedliche Kulturen geprägten Stadtteilen auf beiden Seiten des Bosporus, zur Hälfte Asien und zur Hälfte Europa zugehörig.

Unzählige Moscheen ragen zwischen den Häusern aus der Stadt heraus, welche durch Beleuchtung in der Nacht noch mal besonders zum Vorschein kommen. Zu den bekannteren gehören die Hagia Sofia oder die Blaue Moschee.
Zugegebenermaßen habe ich mich vorher nicht wirklich mit Istanbuls Sehenswürdigkeiten beschäftigt.

Wer Istanbul besucht dem wird definitiv eine Katze über den Weg laufen. Überall sind Katzen. Das Besondere ist nicht nur die Menge, sondern vor allem das diese Straßenkatzen nicht so aussehen wie Straßenkatzen. Sie sehen aus wie gut gepflegte und auch recht gut genährte Haustiere. Schaut man genau hin, sieht man hin und wieder Schüsseln mit Wasser oder Trockenfutter herum stehen. So wie es aussieht, kümmert sich hier jeder ein wenig um diese Katzen. Und es scheint zu funktionieren.

Der große Basar

Wovon ich schon vorher wusste, da es sehr in meinem Interesse liegt, war der große Basar. Nur 5 Minuten zu Fuß vom Hostel entfernt, befindet sich das große Marktgebäude aus dem 15. Jh. 

Einerseits historisches Gebäude mit verzierten Gewölben und Bögen, andererseits aber auch heute noch Marktplatz für verschiedenste Dinge wie Teppiche, Tücher, Lampen, Schmuck, Souvenirs und mehr.

Da der Basar überwiegend von Touristen besucht wird, sind hier die Preise auch dementsprechend höher als außerhalb des Marktes. 

Rein aus Interesse lasse ich mir von einem Teppichhändler seine Kollektion zeigen. Dazu führt er mich in seinem kleinen Geschäft, eine enge Treppe nach oben, lässt mich auf dem Sofa platz nehmen, serviert mir einen Tee und präsentiert mir die verschiedensten Teppiche.
Gleich zu Beginn versuche ich ihm deutlich zu machen, das ich mir jetzt noch keinen Teppich kaufen würde. Trotzdem versucht er mit mir um einen Preis zu verhandeln, worauf ich spaßeshalber eingehe. Einige Preisvorschläge später, gebe ich ihm noch einmal zu verstehen das ich hier nichts kaufen werde und so gibt er es letztendlich auf und führt mich wieder hinaus.
Später kaufe ich mir dann außerhalb des Basars zwei Teppiche und das zu einem vielfach geringeren Preis.

Türkischer Nationalstolz

Da ich auch über die Geschichte der Türkei vorher wirklich gar nicht Bescheid wusste, war es sehr interessant für mich, ein wenig darüber zu erfahren.

Was einem in Istanbul schnell ins Auge sticht, ist die Türkische Flagge. Am beeindruckendsten ist die Größte davon, welche auf einem Hügel an einem Fahnenmast hängt und in Istanbul fast von überall aus zu sehen ist. 
Aber auch sonst ist sie überall in einem Ausmaß zu finden, den man sich in Deutschland nicht ein mal zur Fußball-WM vorstellen könnte.

Redet man mit den Leuten, merkt man schnell das es hier einen sehr großen Nationalstolz gibt.
Atatürk, ihr ,,Vater der Türken´´, wird als Bringer der Freiheit verehrt welcher Ihnen alles ermöglicht was sie heute haben oder tun können. Vor 100 Jahren gründete bzw. transformierte er die Türkei vom Osmanischen Reich zu einem demokratischen Staat.

Döner ohne Soße

Im Hostel werden typisch türkische Gerichte zum Frühstück und Abendessen zubereitet. Aleyna vom Hostel kocht jeden Abend verschieden Spezialitäten wie zum Beispiel Linsen-Köfte.
In der Stadt findet man an jeder Ecke Kebab Läden. Deutlich hochwertiger ist hier meistens die Herstellung im Vergleich zu unserem Döner. Den gibt es hier auch in der uns bekannten Form gar nicht. Kebab wird als Gericht auf dem Teller serviert, es gibt eine Art belegtes Brötchen oder auch Dürüm. Was fehlt ist die Soße, was bei uns oft zu viel ist, gibt es hier gar nicht. Dadurch sind die Gerichte oft eher trocken aber trotzdem sehr lecker.

Ein weiteres Gericht welches ich auf einer Stadtführung kennen lerne, ist Gözleme, eine Art gefüllter Teigfladen. Meine Variante mit Kartoffel und Käse kann ich auf jeden Fall weiter empfehlen.

An verschiedenen Orten in Istanbul, meistens in der Nähe von Sehenswürdigkeiten, sieht man kleine rote Wägen stehen aus denen heraus gegrillter Mais und Esskastanien oder Simit (ein gebackener Sesamkringel) verkauft werden.

Auf ins Abenteuer

Nach 4 erlebnisreichen Tagen in Istanbul mit wundervollen Bekanntschaften, geht es für mich auf den Rückweg. Abends um 8 geht mein Zug vom Bahnhof Halkali am westlichen Rand Istanbuls in Richtung Sofia.
Da es während der Wintersaison keine direkten Züge zwischen Istanbul und Bukarest gibt, führt die beste Verbindung im ZickZack, mit alten Bummelzügen und 3 Umstiegen in irgendwelchen Kleinstädten mitten in Bulgarien.
Aus diesem Grund war ich mir vorher auch lange unsicher, ob ich mich nicht doch für die 3 Stunden Flugzeug entscheiden sollte.
Am Ende entschied ich mich doch für das Abenteuer und kann sagen: es lohnt sich und ist nicht so kompliziert wie ich vorher dachte.

Grenzkontrolle nachts um 1

Meine erste Etappe ist mit dem Nachtzug von Istanbul nach Dimitrovgrad in Bulgarien. Die benötigte Platzreservierung kann man nur im Bahnhof am Schalter kaufen. Für 15 Euro bekomme ich eine Platzreservierung im Schlafabteil. Der Bahnhof wirkt sehr verlassen, laut der Anzeigetafel fahren hier nur sehr wenige Züge am Tag ab, und so befinden sich nur die restlichen ca. 20-30 Passagiere für den Zug nach Sofia im Bahnhof.

Nach Gepäckscan und Passkontrolle steige ich in den Zug und betrete mein Abteil. Ich staune nicht schlecht als ich in meinem 2-Bett-Abteil, neben einem eigenen Waschbecken und einer Art Schreibtisch auch noch einen kleinen Kühlschrank darunter entdecke.

Der Schaffner notiert sich schon mal meine Passnummer und wo ich aussteigen werde und bringt später Bettlaken und Bezüge.
Ein wenig schlafe ich bevor ich irgendwann um 1 Uhr nachts durch ein Klopfen an der Tür geweckt werde.
Wir haben die Grenze erreicht und müssen zum Ausreisen aus der Türkei die Pässe abstempeln lassen.
Dafür müssen alle aus dem Zug raus und zur Grenzstation am Bahnhof von Kapikule.
Nach etwa einer Stunde geht es weiter. Allerdings sind wir noch nicht lange unterwegs als wir die Grenzstation in Bulgarien erreichen. Dieses mal müssen wir nicht aussteigen sondern die Grenzbeamten kommen in die Abteile und sammeln die Pässe ein. Dafür dauert es bestimmt 2 Stunden bis ich meinen Pass wieder bekomme und der Zug weiter fährt.

Mit mehr als einer Stunde Verspätung erreichen wir Dimitrovgrad. Glücklicherweise hat der Anschlusszug nach Gorna Orjahovitsa auf uns gewartet, sonst wäre genau das passiert was ich vorher befürchtet habe und ich wäre irgendwo in einer Kleinstadt mitten in Bulgarien gestrandet.
Als Einziger steige ich schnell aus dem Zug aus und eile durch die Unterführung zum Gleis an dem der Zug wartet. Ich werde vom Lokführer noch kurz gefragt ob ich der Einzige wäre und hoffe nach meinem ,,Yes„ das es auch wirklich so ist.

Eine Zugfahrt zum Genießen

Mittlerweile ist es 7 Uhr morgens, die Sonne geht über nebligen Feldern auf und alles wirkt unglaublich ruhig. Seit einer Stunde fahren wir durch ein wunderschönes Bulgarien, der Zug gleitet gemächlich durch eine hügelige Landschaft und ab und zu halten wir in kleinen Orten, an Bahnhöfen wie wir sie nur als Überreste aus einer vergangenen Zeit kennen.
An jedem Bahnhof steht ein Bahnarbeiter mit einer Handampel (oder wie auch immer das heißt) und schaut das alles seinen Gang geht, mal steigt ein Arbeiter mit Kettensäge ein, mal fahren Leute für wenige Stationen mit.
Alles wirkt entspannt, ruhig, ohne jegliche Hektik. Man fühlt sich wie in eine andere Zeit versetzt.

Über die Donau

Nach 4,5 Stunden Fahrt kommen wir in Gorna Orjahovitsa an, wo ich auf 4 deutsche Studentinnen treffe.
Sie kommen wie ich aus Istanbul, haben die letzten Tage irgendwo in einem bulgarischen Dorf verbracht und sind jetzt auf dem Weg nach Bukarest. Da ich in Bukarest umsteigen muss, fahren wir die Strecke gemeinsam.

An der Grenze zu Rumänien in Ruse müssen wir wieder umsteigen. Da wir eine knappe Stunde Zeit haben, setzen wir uns noch für eine Weile in die Sonne vor den Bahnhof.
Mein Vorrat an Essen besteht aus einer Nussmischung, Keksen und getrockneten Aprikosen und wird mir langsam zu trocken. Es ist mittlerweile 13:30 und ich bin seit über 17 Stunden unterwegs. So überlege ich laut mich mal schnell nach etwas Essbarem umzuschauen.
Ein Mann der gerade auf sein Fahrrad steigt antwortet mir in fließendem Deutsch: ,,Dort drüben gibt es einen Döner„
Überrascht bedanke ich mich und genieße kurz später einen Dürüm, welcher hier zusätzlich mit Pommes gefüllt wird.

Mit einem moderneren Zug geht es weiter, über die hier sehr breite Donau, nach Rumänien, wo uns wieder eine Passkontrolle bevorsteht.
Hier bekomme ich ein ganz anderes Bild zu Gesicht als in Bulgarien. Wir fahren vorbei an Müllbergen und grauen Feldern. Wald oder Wiese bekomme ich hier kaum zu sehen.

Bahnhofsbäcker

In Bukarest angekommen, verabschiede ich mich von den 4 Mädchen und begebe mich auf die Suche nach einem Ticketschalter. Dafür das es sich um den Hauptbahnhof von Rumäniens Hauptstadt handelt, kommt mir der Bahnhof recht klein vor. Am Ticketschalter erfahre ich, das ich meine Platzkarte nur beim Schaffner im Zug kaufen könnte.
Also begebe ich mich vor die große Anzeigetafel und warte mit vielen Weiteren darauf das für den Nachtzug nach Budapest ein Gleis angezeigt wird.

Da ich noch etwas Zeit habe bis der Zug kommt, gehe ich noch schnell zu einem Bäcker im Bahnhof.
Zu meiner Überraschung ist es nicht einfach nur ein klassischer Verkaufsstand, denn durch die verglaste Front kann man tatsächlich einer Frau beim Brezel machen zusehen. Das ist durchaus etwas einzigartiges und freut mich als Bäcker natürlich nochmal besonders.

Es ist mittlerweile nur noch eine viertel Stunde bis zur Abfahrt des Zuges und noch immer steht kein Gleis auf der Anzeigetafel. Als es etwa 5 Minuten vor Abfahrt dann endlich angezeigt wird und der Zug in den Bahnhof rollt, setzt sich eine riesige Menge in Bewegung und auf einmal ist der ganze Bahnsteig voller Menschen.
Die Fahrtzeit für den Nachtzug nach Budapest beträgt etwa 15 Stunden, ich stehe relativ weit hinten in der Menge und habe schon halb die Hoffnung auf einen Platz im Liegeabteil aufgegeben.

Rumänien….

Als ich einen der ersten Wagen betrete, ist dieser menschenleer. Ich gehe wieder raus und schaue nach ob ich irgendetwas übersehen habe, ob ich in ein Luxusabteil eingestiegen bin oder so etwas.
Da ich nichts erkennen kann, gehe ich wieder rein und frage einen weiteren Zugestiegenen ob er nach Budapest fährt und ob er weiß warum hier sonst niemand eingestiegen ist. Er spricht leider kaum Englisch oder hat dem Anschein nach auch einfach keine Lust darauf.

Als der Schaffner zu mir ins Abteil kommt, zeige ich ihm mein Interrailticket und bezahle meine Platzkarte. (15 €)
Immer noch erstaunt darüber, das ich sogar ein Abteil für mich alleine habe, mache ich es mir gemütlich und esse mein belegtes Brötchen vom Bäcker.

Von der rumänischen Landschaft sehe ich leider relativ wenig, da es bereits kurz nach unserer Abfahrt dunkel wird.
Kurz vor 5 am nächsten Morgen werde ich mal wieder durch ein klopfen an der Tür des Abteils geweckt. Wir haben die ungarische Grenze erreicht und es folgt das übliche Prozedere. Pässe werden kurz eingesammelt und kontrolliert und recht zügig geht es auch schon weiter.

Artic Bakehouse in Prag

8:50 erreichen wir Budapest-Keleti. Die Fahrtzeit von über 15 Stunden gingen wie im Flug vorbei.
Für meinen nächsten Zug nach Prag muss ich zum Bahnhof Budapest-Nyugati, also raus aus dem Bahnhof und zu Fuß und mit Straßenbahn durch die Stadt.
Da ich nur 40 Minuten habe, schaffe ich es gerade noch kurz zum Bäcker zu gehen und mir etwas zum Frühstück zu besorgen, bevor ich schon wieder im Zug sitze.

In knapp 7 Stunden geht es mit einem EC über Bratislava nach Prag. Da der Zug eine halbe Stunde Verspätung hat, verpasse ich in Prag meinen ersten Zug. Zum Glück ist das hier kein großes Problem mehr, Züge nach Dresden fahren hier recht regelmäßig.

Meine kurzfristig entstandene Aufenthaltszeit nutze ich natürlich direkt um einen sehr sehr guten Bäcker aufzusuchen, welchen ich von meinem letzten Prag-Besuch her kenne.
Das Artic Bakehouse, eine isländische Bäckerei mit hervorragenden Croissants, Baguettes, Broten und weiteren Gebäcken. Am Hauptstandort kann man den Bäckern durch eine Scheibe bei der Arbeit zusehen.
Wer mal in Prag ist, dem kann ich einen Besuch dort nur empfehlen.

Heimat

Das letzte Stück dieser langen Reise geht am Ende ganz schnell. Ein letzter Umstieg in Dresden und um 22:22 steige ich in Bautzen, nach 52 Stunden Fahrt, aus dem letzten von insgesamt 9 Zügen seit Istanbul.

Nach einem Monat unterwegs, mit vielen unterschiedlichen Erlebnissen, Kulturen und Ländern, bin ich wieder Zuhause. Einige Dinge werde ich vermissen und über andere Dinge bin ich froh wieder hier zu sein.
Besonders da gerade der Frühling beginnt und die Natur zum Leben erwacht denke ich:
Was habe ich doch für eine wunderschöne Heimat.

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